Gruppenprozesse

Kooperatives lernen, also das gemeinsame Lernen in Gruppen stellt sich nicht von allein ein. Zum einen gilt es die verschiedenen Phasen, die bei dem Prozess der Gruppenbildung in der Regel ablaufen, zu berücksichtigen. Zum anderen gibt es bestimmte Rahmenbedingungen und Aspekte auf den Ebenen Gruppe, Gruppenmitglieder und Aufgabenstellung, die das kooperative Lernen positiv beeinflussen können. 

Johnson und Johnson haben herausgefunden, dass sich positive Interpendenzen in Bezug auf die Gruppe z.B. dann ergeben, wenn die Aufgabe erfordert, dass die Ressourcen aller Lernenden zur Lösung benötigt werden und die Gruppe sich im Klaren darüber ist, dass sie auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet, das sie nur zusammen erreichen kann. Wichtig ist ebenfalls, dass die Gruppe den Gruppenprozess reflektiert. Dies setzt auf Seiten der Teammitglieder eine hohe Kommunikations- und Teamfähigkeit voraus und die Bereitschaft individuell Verantwortung für das Gruppenergebnis zu übernehmen.

Beim kooperativen Lernen im Netz treten besondere Probleme auf. Diese entstehen durch:

  • Fehlende soziale Hinweisreize – ausgelöst durch die Einschränkung in der Non- und Paraverbalen Kommunikation,
  • Informationsüberlastung,
  • erhöhten Koordinationsaufwand,
  • technische Barrieren. 

Die Berücksichtigung dieser möglichen Problembereiche schon bei der Planung der online Lernarrangements hilft, kooperatives, netzbasiertes Lernen effektiv zu gestalten. zurück zum Seitenanfang


(Lern-)Gruppen bilden

Das Arbeiten in einer Lerngruppe hilft, soziale Kontakte zu Mitstudierenden aufzubauen und zu vertiefen und lässt das Gefühl einer Gemeinschaft entstehen. Für viele Studierende ist dies ein wichtiger Eckpfeiler bei der Bewältigung der Belastungen durch Studium, Familie und Beruf.

Die formale Zusammensetzung einer Lerngruppe ist dabei weniger wichtig, als die gemeinsamen Ziele der Lerngruppenmitglieder. Gerade mit den Möglichkeiten der online-Kooperation mit dem Lern-Management-System der Hochschule, DFN Adobe Connect und sozialen Netzwerken können Lerngruppen auch über große Distanzen hinweg konstruktiv zusammenarbeiten ohne sich abseits der Präsenztage „vor Ort” treffen zu müssen. Die Auswahl der Lerngruppenpartner muss also nicht länger durch geographische Faktoren bestimmt sein.

Nach Kerres können Lerngruppen bezogen auf die Art der Kommunikation und Kollaboration verschiedenen Stadien der Entwicklung durchlaufen:

Informeller Austausch

Die Teilnehmer lernen sich kennen und tauschen sich aus einem gewissen inneren Kommunikationsbedürfnis heraus aus. Dies ist nicht themenbezogen und planvoll, sondern kann spontan und zu beliebigen studiennahen oder -fernen Inhalten erfolgen.

Projektbezogene Kollaboration

Wenn die Teilnehmer eine gemeinsame konkrete Aufgabe oder ein gemeinsames Ziel verfolgen, fangen sie an, die angebotenen Werkzeuge planvoll zu nutzen und die gemeinsame Zusammenarbeit zu organisieren. So kann z.B. die gemeinsame Erstellung von Haus- oder Seminararbeiten oder die gemeinsame Klausurvorbereitung zu solch einer Zusammenarbeit führen.

Im Lern-Management-System eröffnen die Teilnehmer dazu wenn möglich gerne einen geschlossenen Bereich um abgeschottet von anderen Nutzern nur innerhalb der Gruppe kooperieren zu können. Gemeinsame Treffen können entweder „face-to-face” vor Ort oder als virtuelle online-Sitzung abgehalten werden.

Kollegiale Kooperation 

In der gemeinsamen Gruppenarbeit kristallisieren sich in der Arbeitsteilung Kompetenzen und Erfahrungen der einzelnen Teilnehmenden heraus, die Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Ziele oder anderer Kooperationsfelder sein können. Die Lernenden entwickeln so aus der gemeinsamen Arbeit heraus neue Felder für ihre Lerngruppen oder Arbeitsgemeinschaften. zurück zum Seitenanfang


Einfluß der Gruppengröße

Je nach Größe einer Online-Gruppe finden verschiedene Prozesse statt, die ein angepasstes Moderationsverhalten erfordern.

In kleinen Gruppen ist das Engagement meist ohnehin stärker, da die einzelnen Teilnehmenden nicht hoffen können, in der Masse unterzugehen. Durch die Gruppenmitglieder wird auch eine Art soziale Kontrolle ausgeübt, die die einzelnen „in die Pflicht” nimmt und aktiviert.
Die Aufgabe der Moderation liegt hier darin, die Sitzung zu strukturieren und mit hilfreichen Anregungen zu begleiten.

Große Gruppen bieten dagegen die Anonymität der Masse. Einzelne Studierende können leichter in der großen Teilnehmerzahl untertauchen und die Mehrheit der Teilnehmer zeigt meist von alleine nur geringe Aktivitäten. Moderationsaufgabe ist es hier viel stärker die Teilnehmenden zu aktivieren und die online Arbeit interessant zu gestalten. 

Der Ansatz des „social identity model of deindividuation” (SIDE) beschreibt, dass in einer größeren Gruppe eine Art „Depersonalisierung” stattfindet und die Normen der Gruppe größere Bedeutung erlangen als die individuellen Werte. Dadurch wird das Handeln der Einzelnen in der Gruppe beeinflusst. Dies kann zum Positiven oder zum Negativen geschehen, je nachdem welche Normen und Werte in der Gruppe gelebt werden.  Gerade auch deshalb ist eine Moderation, die auf der Aufstellung gemeinsamer Regeln basiert, von großer Wichtigkeit. zurück zum Seitenanfang


Phasen der Gruppenarbeit

Eine Lern- oder Arbeitsgruppe braucht eine gewisse Zeit um sich als Team zu finden. Um die Konflikte und Prozesse innerhalb einer Gruppe zu verstehen, kann es helfen, sich die Prozesse zu verdeutlichen, die bei der Gruppenformung ablaufen. Diese Prozesse werden mit Hilfe von vier typischen Phasen beschrieben, die bei einer Teambildung in der Regel ablaufen:

  1. Forming: Das Team wird gebildet. Die Mitglieder lernen sich kennen. Aufgaben werden verteilt, die Arbeit beginnt. Die inhaltlichen Ziele der Lerngruppe stehen im Vordergrund.
  2. Storming: Persönliche Konflikte mit dem gemeinsamen Ziel oder mit anderen Teammitgliedern treten auf. Die Mitglieder der Gruppen haben unterschiedliche Auffassungen vom Sinn, Ziel und Zweck der Gruppe. Es können Konflikte auftreten, wenn Einzelne die Führung der Gruppe übernehmen, Andere aber vielleicht gar nicht geführt werden wollen.
  3. Norming: Das Team bemüht sich Richtlinien zu finden, die das Verhalten der Teammitglieder untereinander regeln. Typische Themen sind z.B. wie unterschiedliche Meinungen dargestellt und diskutiert werden (höflich, sachlich, ausreden lassen), Pünktlichkeit bei den Sitzungen, Beteiligung an Meetings, Zusammenspiel beim gemeinsamen Arbeiten.
  4. Performing: Die vereinbarten Richtlinien werden eingehalten. Das Team hat seine Form der optimalen Zusammenarbeit gefunden. Die Treffen wie auch die Phasen dazwischen sind produktiv und gewinnbringend.

Häufig bleiben Lern- oder Arbeitsgruppen in den ersten beiden Phasen stecken, da niemand gerne zwischenmenschliche Probleme anspricht und die meisten zunächst versuchen, darüber hinweg zu gehen. Es kommt dann aber gerade in Stresszeiten (Klausurvorbereitung, Abgabe der Präsentation) oft zu unkontrolliert ausbrechenden Vorwürfen, wenn ein Konflikt zu lange unausgesprochen im Raum stand. Die Mitglieder einer Gruppe, die an der gemeinsamen Arbeit interessiert sind, sollten versuchen, dass Ihre Gruppe auch noch die dritte und vierte Phase durchläuft und damit wieder auf einer für alle befriedigenden Basis eine gemeinsame produktive Lernkultur geschaffen wird.

Dieser Team- oder Grupenbildungsprozess kann nervenraubend sein und auch Zeit in Anspruch nehmen. Es ist aber dennoch nötig, sich damit auseinander zu setzen, da sonst sicher ebenso viel Zeit und Energie für Reibungsverluste innerhalb der Gruppe verloren geht. zurück zum Seitenanfang

Literatur zum Thema SPEARS, R.;LEA, M.;POSTMES, T. (1998) : Breaching or Building Social Boundaries? SIDE-Effects of Computer-Mediated Communication In: Communication Research, 25 (6) S.: 689 true 689 689 715 true 715 715 689-715 Kerres, Michael (2012) : Mediendidaktik Konzeption und Entwicklung mediengestützter Lernangebote : Oldenbourg München Johnson, R.;Johnson, D. W.;Lew, M.;Mesch, D. (1986) : Positive Interdependence, Academic and Collaborative-Skills Group Contingencies, and Isolated Students In: American Educational Research Journal, 23 (3) S.: 476 true 476 476 488 true 488 488 476-488 Döring, Nicola (2003) : Sozialpsychologie des Internet Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen : Hogrefe Göttingen Internet und Psychologie

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