Ergebnisorientierte Medienwahl

Zwei Wege. Du musst Dich entscheiden.

Wenn Sie ein mediengestütztes Lehr-/Lernszenario planen, müssen Sie oftmals Entscheidungen treffen, mit welchem Medium oder Werkzeug Sie einen bestimmten Schritt durchführen möchten. Während man mit allen Tools letztlich immer irgendwie zu einem Ergebnis kommt, gibt es andere Werkzeuge, mit denen sich das Ergebnis effizienter herbeiführen lässt – und gerade im berufsbegleitenden Studium stehen zeitlich effiziente Lösungen bei allen Beteiligten hoch im Kurs.

Dennis & Valacich (1999) machen in der sogenannten „Theory of Media Synchronicity” den Versuch, Kriterien für die Wahl eines effizienten Mediums aufzustellen. Dazu unterscheidet sie Medien, die sich eher für divergente Kooperationsprozesse und Medien, die sich eher für konvergente Kooperationsprozesse eignen. Heute sind es weniger verschiedene Medien als vielmehr verschiedene Werkzeuge, die innerhalb oder außerhalb des Lernmanagementsystems zur Verfügung stehen, zwischen denen die Lehrenden sich entscheiden müssen. Die zugrundliegenden Überlegungen lassen sich aber auf die Entscheidungskriterien für die Wahl eines aktuellen Online-Werkzeugs übertragen.

Divergente Prozesse

Um zu gemeinsamen Ergebnissen zu kommen, muss eine Gruppe zunächst möglichst viele Informationen möglichst vielen Gruppenmitgliedern zur Verfügung stellen. Diese Informationen werden generiert, extrahiert, gesammelt und zusammengetragen. In dieser Phase steigt die Anzahl der für die Gruppe verfügbaren relevanten Informationen also an. Die Menge an Informationen bietet eine Vielzahl von alternativen Lösungswegen, kann aber die Handlungsfähigkeit der Gruppe auch behindern.
Divergente Prozesse dienen also der Generierung und Verteilung von Informationen.

Konvergente Prozesse

Um aus der Fülle der gesammelten Informationen dann zu einer rationalen Problemlösung zu gelangen und wieder handlungsfähig zu werden, werden die Informationen strukturiert und verdichtet. Begleitet von entsprechenden Kommunikationsprozessen entsteht so ein gemeinsames Modell und Verständnis des Problems und der alternativen Lösungsansätze.
Unter konvergenten Prozessen versteht die Theorie also die Verdichtung von Informationen und das Beseitigen von Mehrdeutigkeiten. 

Effizienz

Laut  der Theory of Media Synchronicity sind in divergenten Phasen (z.B. Ideensammlung) eher Medien mit niedriger Synchronizität und hohem Parallelisierungspotential effizienter, während Phasen, die eher konvergente Prozesse beinhalten (z.B. Erarbeitung eines gemeinsamen Ergebnisses) mit Medien mit niedriger Parallelität und hoher Synchronizität effizienter bearbeitet werden können.

Medienmix 

Es sollte also gut überlegt sein, ob Sie eine Aufgabe mit Hilfe eines Forums oder mit Hilfe eines Etherpads oder einer Connect-Sitzung angehen. Oftmals kann auch eine geschickte Kombination verschiedener Werkzeuge im Prozess der Aufgabenlösung hilfreich sein:

  • Brainstorming: Forum im abgeschlossen benutzerdefinierten Bereich der Gruppe oder im Fachforum
  • Entscheidung über Ausgestaltung: gemeinsame Adobe Connect Sitzung auf Basis der eingegangenen Vorschläge
  • Arbeit an den Einzelteilen: Einarbeiten der Ergebnisse in ein gemeinsames Wiki oder Etherpad
  • Endfassung, Diskussion und Vorbereiten der Präsentation: gemeinsame Adobe Connect Sitzung zur Verteilung der Rollen
  • Präsentation: im Präsenzseminar oder in Adobe Connect  

Die Überlegungen machen aber auch deutlich, dass die Frage nach dem Ziel der jeweiligen Aufgabe von den Lehrenden schon früh gestellt und beantwortet werden sollte, da nur in Kenntnis des Kommunikationsziels das effizienteste Medium gewählt werden kann.  zurück zum Seitenanfang


Beispiel:  Ideen sammeln

In einer Phase der Ideensammlung oder -produktion ist es manchmal hinderlich, mit dem Äußern der eigenen Ideen warten zu müssen, bis man zu Wort kommt. Auch wird man beim Denken immer durch die bereits geäußerten Ideen anderer Teilnehmer und Teilnehmerinnen unwillkürlich beeinflusst.

Forum

Deshalb kann für eine solche Phase ein Werkzeug mit einer hohen Parallelität wie z.B. ein Forum (viele können parallel unabhängig von einander arbeiten, ohne sich direkt zu beeinflussen) gut geeignet sein. Gerade wenn es sich nicht um einen zeitkritischen Prozess handelt, ist also ein asynchrones Werkzeug manchmal die bessere Wahl. Ziel könnte z.B. sein, dass bis zum Ende der nächsten Woche jeder Gruppenteilnehmer zwei Ideen oder Vorschläge in einem Diskussionsstrang schreibt, zunächst ohne auf die Beiträge der Anderen einzugehen.

Virtueller Gruppenraum

Natürlich lassen sich auch in einem Chat oder einer Adobe Connect Sitzung gemeinsame Ideen entwickeln, gerade wenn einzelne Gruppenmitglieder ein geringes eigenes Vorwissen zu einem Thema einbringen. Man sollte sich dabei aber der Effekte der (gewünschten) gegenseitigen Beeinflussung bewusst sein. Oft ist es z.B. so, dass eine Person ihre Ideen gar nicht mehr äußert, wenn es bereits einen Vorschlag gibt, der die Zustimmung von ein oder zwei anderen Teilnehmenden gefunden hat. Da die Teilnehmenden zum einen ein Interesse an einem gemeinsamen Ergebnis haben und die Diskussion auch gar nicht in die Länge ziehen wollen wenn sich scheinbar alle anderen einig sind, werden in solchen Situationen oft wertvolle Ideen zum Wohle eines raschen gemeinsamen Ergebnisses unterdrückt.

Textchat vs. Audiochat 

Die Parallelität ist beim Textchat höher als beim Audio-Chat, da man anderen Teilnehmenden ungern ins Wort fällt, aber viele Personen weniger Probleme damit haben, im Textchat ein völlig neues Thema zu beginnen. Auch lassen sich die geschriebenen Beiträge der Anderen beim Nachdenken besser ignorieren als das gesprochene Wort, das unser Ohr erreicht. Deshalb kann innerhalb einer Sitzung im virtuellen Gruppenraum der Textchat eine gute Variante für ein Brainstorming darstellen, das anschließend gemeinsam ausgewertet, analysiert und weiterentwickelt wird.   zurück zum Seitenanfang


Beispiel: Ergebnisse herbeiführen

Synchrone Werkzeug wie Virtuelle Gruppenräume, bei denen alle Teilnehmer zeitgleich anwesend sind, sind besser (im Sinne von effizienter) als andere geeignet, eine Entscheidungsfindung zu beschleunigen und gemeinsam zu Entscheidungen zu gelangen.

Wenn Sie sich vorstellen, sie versuchen sich in einem Forum oder per E-Mail in einer Gruppe zwischen 4 Alternativen zu entscheiden. Der Erste favorisiert Variante A, der zweite stimmt zu, der dritte bringt gute Argumente warum Variante A gar nicht in Frage kommt, der vierte schlägt daraufhin Variante B vor, der erste ist einverstanden, der zweite meint eher Variante C sei geeignet… Es wird eine nahezu endlose Anzahl an E-Mails von Allen an Alle gesandt, um zu einer gemeinsamen Entscheidung zu gelangen. 

Sie können sich sicher ausmalen, dass schon die gemeinsame Terminfindung manchmal in solch einer E-Mail-Schleife hängen bleibt. (Tools wie der DFN-Terminplaner können helfen, solche Prozesse zu vereinfachen.)

Sychron schneller zum Ziel 

In einer Situation in der alle gemeinsam und gleichzeitig online oder vor Ort sind, kann ein solcher Entscheidungsprozess wesentlich effizienter und schneller durchgeführt werden. Es geht dabei nicht darum, die Diskussion zu verkürzen, sondern darum Reaktionszeiten zu minimieren. Auch werden im Gespräch im Audio- oder Video-Chat viel mehr non-verbale und para-verbale Informationen mitgeschickt, die sich per E-Mail nur sehr schwer kommunizieren lassen und deren Fehlen oft zu langwierigen Missverständnissen führen kann.

Innerhalb von z.B. Adobe Connect wird die Entscheidungsfindung auch noch durch das Abstimmungstool unterstützt, mit dem eine Gruppe ganz schnell eine ja/nein-Abstimmung durchführen kann und sofort sichtbar wird, wer wie gestimmt hat. Dies ist oft eine gute Grundlage für eine anschließende strukturierte Diskussion des Themas. zurück zum Seitenanfang

Literatur zum Thema Ojstersek, Nadine;Kerres, Michael;Stratmann, Jörg : Didaktische Konzeption von Angeboten des Online-Lernens – In: Issing, Ludwig J. (Hg.) (2009) : Online-Lernen Handbuch für Wissenschaft und Praxis : Oldenbourg München S.: 263 true 263 263 271 true 271 271 263-271 Dennis, Alan R.;Fuller, Robert M.;Valacich, Joseph S. : Media, Tasks, and Communication Processes A Theory of Media Synchronicity : http://www.ibrarian.net/navon/paper/Media__Tasks__and_Communication_Processes__A_Theo.pdf?paperid=786022 Kerres, Michael (2012) : Mediendidaktik Konzeption und Entwicklung mediengestützter Lernangebote : Oldenbourg München Schwabe, Gerhard : Mediensynchronizität Theorie und Anwendung bei Gruppenarbeit und Lernen – In: Hesse, F.; Friedrich, H. (Hg.) (2001) : Partizipation und Interaktion im virtuellen Seminar : Waxmann München / Berlin S.: 111 true 111 111 134 true 134 134 111-134