Der Einstieg in das aktive Online-Lernen und -Lehren

Sportliche Schritte gehen Stufen hinauf

Die Nutzung digitaler Medien gehört heute ganz selbstverständlich zum Lehralltag in den Hochschulen. Es hat sich aber gezeigt, dass die alleinige Bereitstellung von Materialien im jeweiligen Lern-Management-System (LMS) der Hochschule (zumeist Moodle oder ILIAS) nicht ausreicht, um aktives Online-Lernen zu befördern. Es bleibt also die Frage, wie Studierende zum Online-Lernen aktiviert werden können.

Gilly Salmon (2000) beschreibt in ihrem „five-stage model of teaching and learning online” einen strukturierten mehrstufigen Prozess, mit dessen Hilfe alle Beteiligten – Lehrende und Studierende – einen erfolgreichen Einstieg in das Online-Lernen und Lehren finden sollen. Das Modell zeigt, welche Anforderungen auf den einzelnen Stufen an die Teilnehmer und Teilnehmerinnen gestellt werden und welche Betreuungsaufgaben die Lehrenden in dieser Phase übernehmen sollten. 

Die verschiedenen Stufen im Überblick:

Fünf-Stufen-Modell nach Gilly Salmon (2000)
Bildquelle: http://www.einfachlehren.tu-darmstadt.de/themensammlung/details_4800.de.jsp, Abgerufen am 12.08.2016

In der Stufe 1 geht es um den individuellen Zugang und eine positive Einstellung zum Online-Lernen. Daran anschließend entwickeln die Teilnehmer in Stufe 2 ihre „Online-Identität”, während in Stufe 3 der gegenseitige Informationsaustausch im Zentrum steht. In Stufe 4 geht es um die gemeinsame Konstruktion von Wissen. Abschließend, in Stufe 5 , werden die Teilnehmer selbstständig und suchen nach persönlichem Nutzen und Zielen. Jede dieser Phasen verlangt besondere Fähigkeiten und Fertigkeiten von den Studierenden, die begleitet von den Lehrenden mit dem Durchlaufen dieses Prozesses erworben werden.

Da die Teilnehmer und Teilnehmerinnen einer Online-Veranstaltung in der Regel unterschiedliches Vorwissen und Vorerfahrungen mitbringen, werden nicht alle gleich viel Zeit auf den unterschiedlichen Stufen verbringen. Manche Studierende werden vielleicht sehr schnell zu den Stufen 3-4 „durchmarschieren”, während andere zwischen den Stufen ein paar Mal auf und absteigen. Wichtig für die Lehrenden ist es, sich dieser Phasen bewusst zu sein, insbesondere um Studierende, die mit dem Online-Lernen unerfahren sind, nicht zu überfordern.

Ziel des 5-Stufen-Modells ist ein gemeinsames aktives Online-Lernen, eine Verbesserung der Interaktion der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und eine höhere Zufriedenheit aller an der Online-Veranstaltung Beteiligten. zurück zum Seitenanfang


Stufe 1 – Zugang und Motivation

Voraussetzung für die Teilnahme an einer Online-Veranstaltung ist der problemlose Zugang zu der neuen Lern- und Arbeitsumgebung. Neben der Zuverlässigkeit und (möglichst) einfachen Bedienbarkeit der Technik, ist aber auch die Motivation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein entscheidender Faktor für einen erfolgreichen Verlauf. Verunsicherung und die Angst Fehler zu machen, können Online-Aktivitäten der Teilnehmenden genauso behindern wie technische Probleme.

Zugang 

Im Vordergrund steht hier der einfache Zugang der Studierenden zu der Lernplattform. Neben den erforderlichen Zugangsdaten, die die Studierenden erhalten müssen, hat sich im Verbundstudium aufgrund der geringeren Präsenzanteile eine Einführungsbroschüre zum Einstieg in das LMS bewährt, auf die jederzeit zurückgegriffen werden kann. Die Einstiegsbroschüre sollte den Aufbau und die wichtigsten Funktionen des LMS erklären und den Studierenden aufzeigen, wie sie Online aktiv werden können und welche Möglichkeit zur Beteiligung sie haben.

Daneben hat sich eine kurze Einführung in das System während der Einführungsveranstaltung oder der ersten Präsenzveranstaltung durch Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter des Studiengangs als hilfreich erwiesen, um die Studierenden bei einem schnellen Einstieg in die Lernplattform zu unterstützen und gleichzeitig die Intention der Online-Lehrenden zu verdeutlichen.
In den ersten Semestern eines Studiengangs kann auch in der ersten Präsenzveranstaltung eines Moduls nochmal kurz gezeigt werden, wie man das LMS aufruft und wo der Kurs innerhalb des LMS zu finden ist. Hierbei kann dann auch gegebenenfalls der „Kursschlüssel” mitgeteilt werden, mit dem sich die Studierenden in den Kurs eintragen können.

Auch in Zeiten mobiler Endgeräte und sozialer Netzwerke kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Studierenden Erfahrungen im Online-Lernen oder der Nutzung von Lernplattformen besitzen. Deswegen sollte gerade in der ersten Phase ein Ansprechpartner bzw. eine Ansprechpartnerin für technische Probleme benannt werden.

Motivation

Ebenso wichtig wie ein gelungener technischer Einstieg ist die Motivation der Studierenden den jeweiligen Kurs zu besuchen und sich aktiv zu beteiligen. Dazu ist notwendig, dass die Studierenden erfahren,was sie in dieser Lerneinheit wozu lernen. Darüber hinaus sollten die Studierenden aber auch die Gelegenheit haben Funktionen der Lernplattform selbst auszuprobieren. 

Erfahrungsgemäß haben sich Begrüßungsrunden, z.B. im Forum des Kurses als guter Einstieg erwiesen. Begrüßen Sie Ihre Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen und ermutigen Sie sie, ebenfalls „Hallo” zu sagen und ihre Erwartungen an den Kurs zu posten.

Für die Studierenden ist es in dieser Phase wichtig, unter „kontrollierten” Bedingungen Fehler machen zu dürfen und Selbstvertrauen in der neuen Umgebung aufzubauen. zurück zum Seitenanfang


Stufe 2 – Online Sozialisation

Ziel dieser zweiten Phase ist nach Gilly Salmon (2004) „den Teilnehmenden den Wert des Online-Zusammenarbeitens verständlich zu machen und sie zur Kooperation zu befähigen”.

D.h. den Studierenden soll durch praktische Übungen die Möglichkeit gegeben werden, sich Online kennen zu lernen, damit für die angestrebte Zusammenarbeit eine Vertrauensbasis geschaffen werden kann.

Ein guter Einstieg in diese Phase sind Kennenlernrunden, bei denen z.B. die Teilnehmenden das eigene Profil im LMS vervollständigen, auf interaktiven Karten den eigenen Wohn- oder Arbeitsraum eintragen oder ein Posting mit Bild oder Handyvideo schicken, das einen Einblick in die jeweiligen Interessen gewährt. Die Aufgaben sollten so einfach gestaltet sein, dass alle Teilnehmenden direkt mitmachen können. Wichtig ist aber auch, dass die Teilnehmenden sich aufeinander beziehen, z.B. indem eine bestimmten Anzahl von Postings kommentiert werden soll. Vielleicht nutzen Sie den Austausch über persönliche Interessen und Lern- und Arbeitsorte auch gleich, um die Studierenden zur Bildung von (virtuellen) Arbeitsgruppen anzuregen.

In der Phase der Online-Sozialisierung bietet es sich darüber hinaus an, Regeln für den gemeinsamen Umgang in dem virtuellen Lernszenario zu entwickeln. Fragen nach der Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Feedbackregeln oder Rederechte/-reihenfolgen können hier besprochen werden.  Dieser Prozess sollte zwar von Lehrenden gesteuert werden, wichtig ist es aber, alle Teilnehmenden in den Prozess mit einzubeziehen, um eine gemeinsame, für alle verbindliche Basis zu schaffen.

Diese Phase sollte nicht übersprungen werden, denn sie bildet die Grundlage für die Entwicklung der „Online-Identität” der Teilnehmenden. Sie entscheidet darüber, ob sich Ihre Teilnehmer in dem Online-System wohlfühlen und ein Selbstverständnis als Mitglied einer virtuellen Lerngruppe entwickeln können. zurück zum Seitenanfang


Stufe 3 – Informationsaustausch

Nach der Kennenlernphase steht für die Lernenden nun die inhaltliche Arbeit und die Auseinandersetzung mit kursrelevanten Themen im Vordergrund. Wichtig für das gemeinsame Online-Lernen ist aber auch der Austausch mit anderen Lernenden über den Kursinhalt, um ein gemeinsames Verständnis für das Thema zu entwickeln.

Aufgabe der Lehrenden in dieser Phase ist die Bereitstellung geeigneter Lernmedien und -materialien. Weitergehende Informationsquellen (z.B. Weblinks) sollten verfügbar gemacht werden. Mit strukturierten Recherche-Übungen und kooperativen Aufgaben gewöhnen Sie Ihre Studierenden an das gemeinsame Online-Lernen.

In dieser Phase kann eine Kombination aus verschiedenen Werkzeugen der Lernplattform zum Einsatz kommen. Bedenken Sie, dass asynchrone Kommunikationsmittel (Foren, Wikis etc.) den Vorteil besitzen, dass jede/r Lernende den Inhalt in seinem/ihrem eigenen Tempo und zum individuell gewünschten Zeitpunkt bearbeiten kann. Sie eignen sich also gut für die Einarbeitung in ein Thema. Auch Aufgabentypen, bei denen die Studierenden die Aufgabe zunächst alleine bearbeiten und nach der Abgabe die Lösungen der Mitstudierenden innerhalb der Lernplattform einsehen können, sind für diese Phase gut geeignet. Daran anschließend kann der inhaltliche Austausch zwischen den Lernenden über eine Online-Veranstaltung (Adobe Connect) organisiert werden, die zu diesem Zeitpunkt aber noch von dem/der Lehrenden moderiert und strukturiert werden sollte.

In dieser Phase müssen die Teilnehmenden noch lernen, adäquat mit Informationen umzugehen. Aufgabe der Lehrenden ist es, den Lernenden dabei zu helfen, geeignete Strategien für den Umgang mit der „Informationsflut” zu entwickeln. Darüber hinaus unterstützen sie die Studierenden, indem sie durch klare Arbeitsaufträge, Termin und Fristen Orientierung schaffen und als Ansprechpartner/in für Fragen zur Verfügung stehen. zurück zum Seitenanfang


Stufe 4 – Wissenskonstruktion

In dieser vierten Stufe des aktiven Online-Lernens diskutieren die Lernenden bereits intensiv miteinander. Hier sind Aufgaben wirksam, die es ermöglichen, verschiedene Perspektiven auf einen Inhalt sichtbar zu machen, unterschiedliche Standpunkte zu diskutieren und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Ziel der Kommunikation und Kooperation ist die gemeinsame Konstruktion von Wissen. Durch die Interaktion wird Wissen geteilt und durch Diskussion und Präsentation vertieft. In dieser Stufe sollten die Lernenden die Möglichkeit erhalten, die Werkzeuge für ihre Wissenskonstruktion selbst auszuwählen. Hilfreich sind Werkzeuge die kooperatives und kollaboratives Arbeiten unterstützen, wie z.B. Concept- oder Mind-Mapping Tools oder Werkzeuge für kollaboratives Schreiben wie Etherpad. Auch eigenständige Gruppenarbeitstreffen z.B. in Adobe Connect, zur Vorbereitung auf die gemeinsame Online-Veranstaltung, sollten nun zum Methodenrepertoire gehören.

Die Lehrenden ziehen sich in dieser Phase schon etwas zurück, haben aber weiterhin die Aufgabe, die fachliche Diskussion zu moderieren, zu strukturieren und zu begleiten. Anregende Fragestellungen und Aufgaben, die an das Vorwissen der Lernenden anknüpfen sowie kurze Zusammenfassungen des Diskussionsstandes sind hier gute Hilfestellungen. Allerdings sollten die Studierenden auch die Gelegenheit erhalten, mehr Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen. So können die Studierenden beispielsweise während synchroner Online-Treffen (z.B. Adobe Connect) in Gruppenarbeitsräumen zunächst eigenständig Lösungen erarbeiten, die sie dann im Plenum präsentieren. zurück zum Seitenanfang


Stufe 5 – Entwicklung

In dieser fünften und letzten Phase agieren die Teilnehmenden selbstständig mit ihrer Online-Gruppe. Sie sind in der Lage, selbst Impulse für eine Diskussion zu geben und diese aufrecht zu erhalten. Sie setzen sich eigene Ziele. Ist diese Stufe erreicht kann man auch von einer learning-community sprechen.

Als Lehrende unterstützen Sie den Prozess des Unabhängig-werdens Ihrer Studierenden, indem Sie Hinweise auf interessante Informationsquellen liefern, die Ihren Teilnehmern und Teilnehmerinnen eine Weiterentwicklung ermöglichen. Interessante Veranstaltungen in dieser Phase können z.B. themenbezogene „Events” mit Experten aus der Praxis sein.

Im Sinne der Nachhaltigkeit individuellen Online-Lernens sollte nun die Reflexion des Lernprozesses im Fokus der Studierenden stehen. Wichtig für die Lernenden ist, sich des eigenen Lernstils und der eigenen Lerngewohnheiten bewusst zu werden und die gemeinsam gewonnenen Lernerfahrungen zu reflektieren, um adäquate Lernstrategien für die Zukunft daraus abzuleiten.

Als Lehrende können Sie den Reflexionsprozess unterstützen, in dem Sie z.B. auf bereits erledigte Aufgaben im Lern-Management-System noch einmal verweisen und dazu anregen, den Lernfortschritt zu reflektieren. Auch Transferfragen zum individuellen Lernprozess oder die Methode des 360° Feedbacks sind gut geeignet, die Reflexionsphase zu unterstützen. zurück zum Seitenanfang

Literatur zum Thema Salmon, Gilly (2000) : E-moderating The key to online teaching and learning : Kogan Page London Salmon, Gilly (2013) : E-tivities The key to active online learning : Routledge New York, NY Salmon, Gilly (2004) : E-tivities Der Schlüssel zu aktivem Online-Lernen : Füssli Zürich   zurück zum Seitenanfang